Blog

lesens-wert

Erkenne den Typ im Spiegel

Zwei Pferde stehen bereit für mein Seminar. Sie kommen gerade aus der Herde von der grossen Weide. Es sind zwei Stuten, die uns auch gleich willig auf den Reitplatz folgen. Kaum angekommen, wird ihre Aufmerksamkeit von einer vorbeireitenden Gruppe abgelenkt. Augen, Ohren und Herz sind weg – abgeschweift. Die Person am Pferd ruft: „Dieses Pferd hört und sieht mich nicht mehr, was soll ich jetzt tun?“

Es ist kein gutes Gefühl, ein Pferd neben mir zu haben, das meiner Kommunikation nicht folgt. Um in einer solchen Situation wirkungsvoll reagieren zu können, sind spezifische Kenntnisse über die Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Pferden hilfreich.

Was unterscheidet den Menschen vom Pferd?

Wenn ich die Teilnehmer frage: „Was glaubt ihr, ist das Wichtigste im Leben eines Pferdes?“, antworten acht von neun Personen „fressen“. Es ist dann für alle erstaunlich, dass fressen erst an vierter Stelle seinen Platz findet. Für Pferde steht Sicherheit im Vordergrund, gefolgt von Komfort, den sie suchen. Pferde möchten ihre sozialen Bedürfnisse ausleben und mit anderen Pferden in der Herde spielen, erst dann wird das Futter wichtig. Anders ausgedrückt, wenn sich ein Pferd nicht sicher fühlt (ihm keine Leadership geboten wird), es keinen Komfort erhält (ständig gefordert wird und keine Ruhe findet), es seinen sozialen Bedürfnissen nicht nachkommen kann (dazu gehört auch, den natürlichen Regeln des Herdenverbandes zu folgen) wird seine Motivation und Lebensfreude verkümmern. Und das saftigste Gras und das beste Heu werden schlecht verdaulich.

Im Internet sind wir Menschen als „verstehendes, verständiges“ bzw. „weises, gescheites, kluges, vernünftiges Wesen“ umschrieben. Und nach der biologischen Systematik sind wir höhere Säugetiere aus der Ordnung der Primaten. Oder einfach ausgedrückt: Affen. Aus Sicht der biologischen Evolution haben wir uns nicht sehr stark verändert, seit wir die Höhle verlassen haben. Wir sind Sammler und Jäger, streben nach Lob und Anerkennung, profilieren uns mit materiellen Gütern und fühlen uns wohl beim Einfordern von Leistung durch Power und Macht.

 

Primaten in der Manege

Oder – was kann das Raubtier vom Fluchttier lernen? Nebst der offensichtlichen Deutung, dass die einen Räuber sind, während sich die anderen auf der Flucht befinden, kommt eine starke Komponente hinzu. Pferde haben keinen Intellekt. Sie lesen keine Bücher, bilden sich nicht weiter und es interessiert sie nicht, was morgen auf dem Programm steht – sie leben von Moment zu Moment. Der Anführer einer Herde, wohlbemerkt meistens eine Stute, verfügt über eine natürliche, instinktive starke Führungskompetenz, die von einer Kommunikation geprägt ist, die so anerkannt wird, dass ein Fohlen synchron mit der Stute durchs Feuer geht. Eine ganze Herde, getrieben durch Instinkt, folgt ohne zu zögern oder zu hinterfragen ihrer Leitstute – was auch immer geschieht und wohin die Reise auch geht. In diesem Kontext erfährt Leadership einen ganz anderen Stellenwert.

Wie zeigen Pferde, wie Menschen sind?

Eines vorweg, grundsätzlich sind wir Pferden egal. Sie brauchen uns nicht. Treten wir jedoch in ihr Leben, sollten wir uns unserer nonverbalen Kommunikation bewusst sein. Pferde sind Meister im Lesen von Körpersprache und reagieren direkt auf die Signale, die wir bewusst oder unbewusst aussenden. Pferde suchen Sicherheit und erkennen „Fake-News“. Sie werden uns auf Anhieb folgen, wenn wir wissen, was wir wollen und das überzeugend signalisieren. Überzeugen wir nicht, wird uns das Pferd herausfordern, immer und immer wieder. Genau das stärkt die menschliche mentale und emotionale Fitness. Ich behaupte, bei keinem anderen (Haus)-Tier liegen Faszination und Frustration so nahe beieinander, wie beim Pferd. Hier können wir profitieren, um ein authentischer, begeisterter und anerkannter Leader zu werden. Führungsqualitäten entwickeln heisst, Qualität zuerst in die eigene Führung investieren. Pferde bringen es auf den Punkt.

Steigen Sie auf - lernen Sie den Typ im Spiegel richtig kennen. Doch bevor Sie sich nun ans Pferd wagen, frage ich Sie. Wenn ein Pferd Ihr Spiegelbild ist, WAS genau möchten Sie sehen?

Publiziert am von Liz Heer

← Zurück